Paolo Flores d'Arcais

Appel aus dem Untergrund

von Gabriele Pommerenke
Italiano di Claudio Paroli
Die einzige alltägliche Informationsquelle stellt für über 90 Prozent der Italiener das Fernsehen dar, ein Fernsehen, das sich nahezu vollständig in der Hand ihres Premiers befindet. Zudem ist die Zahl der in Italien pro Kopf verkauften Tageszeitungen die niedrigste im Vergleich zu allen anderen europäischen Ländern.

Diese Fakten lassen erschaudern, insbesondere im Vergleich mit den Überlegungen des 1944 in Cervignano del Friuli geborenen politischen Theoretikers und Philosophen Paolo Flores d’Arcais in seinem zuletzt erschienenen Buch Die Demokratie beim Wort nehmen. Der Souverän und der Dissident, Berlin (K. Wagenbach Verlag) 2004. In seinen Ausführungen über die Grundbedingungen für das Funktionieren von Demokratie unterstreicht F. d’Arcais, dass Bürger, denen aufgrund eines derartigen Meinungsmonopols die Information entzogen werde, keine Möglichkeit haben, eine Wahl zu treffen. Demokratie, zu deren elementaren Bedingungen neben »Nahrung, einem Dach, Gesundheit, Ausbildung auch Information« gehöre, werde hohl, wenn sie sich nicht auf informierte Bürger stützen könne. Die Demokratie ernst nehmen heißt, das Individuum mit seiner Fähigkeit selbstständig zu denken, ernst zu nehmen, auch den Dissidenten, der für die Demokratie das Fundament bedeute; während der Totalitarismus im Individuum eine Bedrohung und im Dissidenten einen Verräter sehe.

Neben dem autoritären Populismus der Oligarchie Berlusconis attackiert F. d’Arcais die derzeitige italienische Parteienherrschaft insgesamt, das nur sich selbst stützende Parteiensystem und die Realpolitiker der parlamentarischen Opposition. Fausto Bertinotti und Antonio di Pietro, die bei unterschiedlichen Anlässen darauf bestanden, sich in Konkurrenz zum Mitte-Links-Bündnis Ulivo zur Wahl zu stellen, trügen beispielsweise schwerwiegende Mitverantwortung am Sieg Berlusconis. Seine Vorwürfe gelten insbesondere auch Massimo D’Alema, den er geradezu als Prototypen der »dialogbesessenen Soft-Opposition« betrachtet. Nach dem Wahlsieg des Ulivo von 1996 verschaffte D’Alema dem gescheiterten Berlusconi neue Legitimation. Unter D’Alemas Federführung fürchtete die Linke eine „Dämonisierung“ Berlusconis, die es ihm ermöglicht hätte, sich zum Opfer zu stilisieren, was ihm wiederum zusätzliche Wählerstimmen hätte bringen können. In den Neunziger Jahren betrieb das Linksbündnis phasenweise die gleiche Justizpolitik wie heute Berlusconi. Da sich auch etliche Politiker des Linksbündnisses im Fadenkreuz staatsanwaltlicher Ermittlungen befanden, trug die Linke ähnlich wie später auch die Rechtskoalition mit gezielten Angriffen auf die Staatsanwälte dazu bei, den Verantwortlichen der Aktion gegen Korruption und Vetternwirtschaft Glaubwürdigkeit zu entziehen. In seiner Fundamentalkritik an der „Real-Demokratie“ polemisiert F. d’Arcais also gegen den Verfall der klassischen demokratischen Ideale insgesamt. Der Appell an den homo democraticus, zum gedanklichen Dissidenten zu werden, ist nahezu allen Schriften und vielen der zahlreichen weiteren Aktivitäten von Paolo Flores d’Arcais immanent. So auch der 1986 von ihm gegründeten und herausgegebenen Zeitschrift MicroMega, die zur Verlagsgruppe L’Espresso gehört, fünf bis sechsmal jährlich erscheint und äußerlich oft eher an einen dicken Wälzer als an eine Zeitschrift erinnert. Sie enthält überwiegend politische und philosophische Essays und wurde ins Leben gerufen mit dem Ziel, die politische Linke im Sinne der notwendigen Wertorientierung zu reformieren. Mit Autoren wie F. d’Arcais selbst sowie z.B. auch D. Fo, A. Camilleri, M. Cacciari oder A. Tabucchi wurde sie bald zum Sprachrohr der intellektuellen Opposition und zum Katalysator der Empörung angesichts der Herrschaft Berlusconis und des nur noch sich selbst stützenden Systems der linken Parteien insgesamt sowie der Realpolitik der Opposition.

Mit den eingangs zitierten besorgniserregenden Zahlen kontrastieren die 25-30.000 – in Ausnahmefällen sogar 100-150.000 – verkauften Exemplare von MicroMega. In Anbetracht ihrer meist elitären intellektuellen Inhalte würde die Zeitschrift laut F. d’Arcais unter „normalen“ Bedingungen, d.h. in Staaten, in denen Regierungsgegner nicht aus dem Fernsehen verbannt und damit praktisch in ein Leben im Untergrund abgedrängt werden, eine Verkaufszahl von lediglich 6-7.000 Exemplaren erzielen. Der Chefredakteur betrachtet die erstaunlich hohen Absatzzahlen der Zeitschrift auch als Beleg dafür, dass die Opposition ihre Arbeit nicht radikal genug macht. MicroMega widersetzt sich also vehement der offensichtlichen Geringschätzung moralischer Werte und gesellschaftlicher Tugenden durch Regierung und Opposition. Die von der Exekutive systematisch betriebene Politik der Desinformation (die F. d’Arcais mit dem Begriff disinformazija mit den typischen Techniken der Ostblock-Desinformation gleichsetzt) forme eine öffentliche Meinung, die »unterwürfig, analphabetisch und unfähig zur Entrüstung« sei.

Hauptberuflich lehrt und forscht F. d’Arcais, der über Adam Smith und Karl Marx promovierte, an der philosophischen Fakultät der Universität La Sapienza in Rom. Er schreibt zudem für verschiedene Zeitungen, darunter El Pais und die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Im Mittelpunkt seines Interesses steht die Frage nach der Politik und ihren Bedingungen. Er beruft sich auf Grundzüge der politischen Theorie von Hannah Arendt, auf ihre kritische Position gegenüber der modernen Gesellschaft, in der die Aushöhlung des Politischen, die Degeneration der Politik zur Profession und die Vermischung von Öffentlichem und Privatem zu einem bedrohlichen Verlust an Individualität führen, in der Politik sich auf ein Ritual reduziert, in dem das Schachern um Positionen Vorrang vor dem Handeln hat. Dahinter steht keine romantische Version eines von allen Notwendigkeiten befreiten Individuums, sondern der Versuch, die Möglichkeiten des Einzelnen, seine Freiheit und seinen Einfallsreichtum, in den verschiedenen menschlichen Existenzweisen auszumachen. Laut F. d’Arcais spielt sich der authentische Konflikt der modernen westlichen Gesellschaften ganz innerhalb der Werte der liberalen Demokratie ab und zielt nicht etwa auf seine – utopische oder revolutionäre – Überwindung.

Entsprechend seiner Auffassung, dass Demokratie nur gestaltet werden könne, wenn die Bürger sie selbst in die Hand nehmen und auch als Reaktion auf das zunehmende Desinteresse vieler Bürger an Politik, initiierte der außerordentlich aktive und schaffenskräftige Paolo Flores d’Arcais zusammen mit dem Filmregisseur Nanni Moretti die Bewegung der Girotondi. Hierbei handelt es sich um Massenproteste gegen sowohl die Machenschaften der Regierung als auch gegen die Ohnmacht der Opposition. Bei den Girotondi trifft sich vor allem diejenige Linke, die sich von den Parteien nicht repräsentiert fühlt und sich folglich nur von zivilgesellschaftlichen Bewegungen mobilisieren lässt. Diese wörtlich übersetzt „Ringelreihen“, das Umkreisen von öffentlichen Gebäuden durch Tausende, Zehntausende Menschen finden seit dem Jahr 2002 regelmäßig in vielen Städten Italiens statt. Bei dieser zivilgesellschaftlichen Protestform, in der sich die Stimme des Volkes manifestieren kann, sind folgerichtig Politiker der Opposition unerwünscht, obwohl durch die von F. d’Arcais erhoffte Erneuerung der alten Linksparteien mehr Nähe zwischen den Bewegungen der Massenproteste und den Linksparteien geschaffen werden soll. Die Aktionen der Girotondi für Werte, die in der Verfassung garantiert sind und doch ausgehöhlt werden, wie die Autonomie der Justiz und der Pluralismus der Medien, können und sollen eine Revitalisierung der Demokratie bewirken, denn F. d’Arcais zeigt sich davon überzeugt: Un’altra Italia è possibile.

Primärliteratur:

Die Linke und das Individuum. Ein politisches Pamphlet, Berlin (Klaus Wagenbach Verlag), 1997.

Libertärer Existentialismus. Zur Aktualität der Theorie von Hanna Arendt, Frankfurt/Main (Verlag Neue Kritik), 1997.

Die Demokratie beim Wort nehmen. Der Souverän und der Dissident, Berlin (Klaus Wagenbach Verlag), 2004.

Per oltre il 90 percento degli italiani l’unica fonte d’informazione quotidiana è rappresentata da una televisione che si trova quasi interamente nelle mani del premier. A ciò si aggiunge che il numero di quotidiani pro capite venduti in Italia è il più basso fra tutti i paesi europei.

Sono numeri che fanno rabbrividire, particolarmente se raffrontati con le tesi di Paolo Flores d’Arcais – teorico politico e filosofo nato nel 1944 a Cervignano del Friuli – contenute nel saggio Il sovrano e il dissidente. La democrazia presa sul serio pubblicato da Garzanti nel 2004. Nelle sue analisi sulle condizioni basilari per il funzionamento di una democrazia d’Arcais sottolinea che i cittadini, a cui un monopolio mediatico del genere ha sottratto l’informazione, non hanno possibilità di scelta. La democrazia, fra le cui premesse elementari oltre al cibo, un tetto, la salute e l’istruzione si annovera anche l’informazione, si svuota se non può basarsi su dei cittadini informati. Prendere sul serio la democrazia significa prendere sul serio l’individuo che ragiona con la propria testa, anche se dissidente, che viene assunto a fondamento della democrazia stessa; il totalitarismo, invece, vede l’individuo come una minaccia e il dissidente come un traditore.

Oltre al populismo autoritario dell’oligarchia Berlusconi, d’Arcais attacca anche l’attuale partitocrazia italiana nel suo insieme, un sistema partitico fine a se stesso, e i parlamentari “realpolitici” dell’opposizione. Fausto Bertinotti e Antonio di Pietro, ad esempio, che per motivi diversi si erano candidati in concorrenza con la coalizione di centrosinistra dell’Ulivo e hanno avuto pesanti responsabilità sulla vittoria di Berlusconi. Ma le sue critiche sono rivolte particolarmente a Massimo D’Alema che descrive come “prototipo di un’opposizione soft per il dialogo a tutti i costi”. A seguito della vittoria elettorale dell’Ulivo nel 1996, D’Alema ha fornito nuova legittimazione allo sconfitto Berlusconi. La sinistra, guidata dalla mano delicata di D’Alema, temeva una “demonizzazione” di Berlusconi, con il risultato di un’incarnazione a vittima che gli avrebbe potuto portare ulteriori voti. Negli anni Novanta, in certe fasi, la coalizione di sinistra ha praticato la stessa politica della giustizia come attualmente Berlusconi. Ritrovandosi con diversi politici coinvolti nelle inchieste dei giudici e comportandosi non diversamente dalla destra in un secondo momento, la sinistra ha contribuito a sua volta a togliere credibilità ai responsabili delle azioni contro la corruzione e il nepotismo. Nella sua critica fondamentale alla “real-democrazia” d’Arcais polemizza dunque contro il decadimento degli ideali classici democratici nel loro complesso. L’appello all’homo democraticus affinché diventi pensatore dissidente è immanente in pressoché ogni scritto di Flores d’Arcais come pure nelle sue numerose altre attività. Ad esempio nella rivista MicroMega del Gruppo Editoriale L’Espresso, da lui fondata nel 1986 e di cui è direttore, che esce cinque o sei volte all’anno e che a prima vista ha piuttosto l’aspetto di un libro. Vi si pubblicano principalmente saggi di politica e di filosofia e l’idea che ne sta alla base è quella di riformare la sinistra nel senso di un necessario riorientamento dei valori. Grazie ad autori come d’Arcais stesso, ma anche Fo, Camilleri, Cacciari e Tabucchi, la rivista è diventata rapidamente il megafono dell’opposizione intellettuale e il catalizzatore della rabbia nei confronti sia dell’egemonia Berlusconi sia del sistema partitico – fine a se stesso – della sinistra nel suo insieme, come pure della realpolitik dell’opposizione. Confrontate ai dati preoccupanti citati all’inizio, le 25-30.000 copie vendute – eccezionalmente persino 100-150.000 – di MicroMega stanno in netto contrasto. Considerati i suoi contenuti perlopiù intellettuali ed elitari, a parere di d’Arcais la rivista raggiungerebbe una vendita di appena 6-7.000 copie in condizioni “normali”, vale a dire in paesi in cui gli oppositori del governo non vengono espulsi dalla TV e costretti praticamente a vivacchiare nella clandestinità. Il direttore sostiene che il numero sorprendentemente elevato di copie vendute sarebbe la dimostrazione che l’opposizione non compie il suo lavoro in modo sufficientemente radicale. MicroMega si oppone dunque con veemenza al disprezzo dei valori morali da parte di governo e opposizione. La sistematica politica di disinformazione perpetrata dall’esecutivo (d’Arcais si serve del termine disinformazija, lo stesso usato per le tecniche usate un tempo nei paesi del blocco comunista) creerebbe un’opinione pubblica «sottomessa, analfabeta e incapace di indignarsi».

Flores d’Arcais, laureatosi con tesi su Adam Smith e Karl Marx, insegnante e ricercatore alla facoltà di filosofia dell’Università La Sapienza di Roma, scrive periodicamente per diversi giornali fra cui El Pais e la Frankfurter Allgemeine Zeitung. Punto focale dei suoi interessi è “la questione politica” e le condizioni in cui è immersa. D’arcais si appella ai fondamenti della teoria politica di Hannah Arendt, alle sue posizioni critiche nei confronti della società moderna in cui lo svuotamento del politico, la degenerazione della politica a professione e l’interferenza fra pubblico e privato portano a una pericolosa perdita di individualità ove la politica si riduce a un rituale in cui la spartizione delle cariche ha priorità sull’adoperarsi per qualcosa. Dietro tali posizioni non si cela una versione romantica della liberazione dell’individuo da ogni necessità, bensì il tentativo di rappresentare le possibilità di ognuno, la propria libertà e ricchezza d’intenti nei diversi modi esistenziali umani. A parere di Flores d’Arcais il vero conflitto nella moderna civiltà occidentale si svolge interamente all’interno dei valori della democrazia liberale e non punta al suo superamento, utopistico o rivoluzionario che sia.

Partendo dalla sua opinione che la democrazia possa essere realizzata solo se i cittadini la gestiscono in prima persona e reagendo inoltre al crescente disinteresse della gente nei confronti della politica, Paolo Flores d’Arcais, grazie al suo straordinario attivismo e alla sua forza creativa, è stato iniziatore del Movimento dei Girotondi insieme al regista Nanni Moretti. In queste proteste di massa, sia contro le azioni di governo sia contro l’impotenza dell’opposizione, s’incontra soprattutto gente di sinistra che non si sente rappresenta dai partiti e viene pertanto mobilitata solo da movimenti di piazza. Si gira letteralmente intorno, dal 2002 sono decine di migliaia di manifestanti che accerchiano periodicamente gli edifici pubblici di numerose città italiane. Questa forma di protesta civile, in cui si manifesta la voce del popolo, non desidera pertanto la presenza di politici dell’opposizione, sebbene il rinnovamento dei vecchi partiti di sinistra auspicato da d’Arcais dovrebbe farli riavvicinare ai movimenti di massa. Le manifestazioni dei Girotondi per quei valori garantiti dalla Costituzione che vengono tuttavia snaturati, come l’autonomia dei giudici e il pluralismo dei media, possono e devono generare una rivitalizzazione della democrazia, poiché di una cosa Paolo Flores d’Arcais si mostra convinto: «Un’altra Italia è possibile».

Bibliografia essenziale:

Etica senza fede, Einaudi,1992.

Hannah Ahrendt, esistenza e libertà, Donzelli, 1995.

Il sovrano e il dissidente. La democrazia presa sul serio, Garzanti 2004.